Sehr geehrte Frau Shivani Vogt, ich hätte einige Anliegen, die mehr oder weniger zusammengehören und die ich einfach mal loswerden muss. Ich habe schon seit Wochen wieder im Hinterkopf, (wieder) einen Therapeuten aufzusuchen, dann geht es mir dann aber wieder „zu gut“, oder ich habe keine Zeit, oder ich habe Angst, nicht ernst genommen zu werden, oder oder oder…. Nun zu meinen eigentlichen Problemen.
Ich habe seit über einem Jahr meinen ersten Freund, die Beziehung läuft aber in mehrerer Hinsicht nicht gerade glücklich. Jedoch auch wenn alle „Rahmenbedingungen“ „stimmen“ würden, habe ich das Gefühl, als hätte ich meine Sexualität „verloren“ (ausgerechnet jetzt, wo ich einen Freund habe!?). Vor etwa drei Jahren hatte ich auf jeden Fall ein sehr starkes sexuelles Verlangen und grundsätzlich konnte ich mich immer als sexuell interessierter und sensibler Mensch beschreiben, auch als ich noch lang noch nicht bereit war, bestimmte Sachen auszuleben. In der Zeit damals sind viele Dinge passiert, die ich schnell und sehr schmerzhaft bereut habe. Ich habe mich wertlos gefühlt und konnte kaum mit dem umgehen, was in meinem Leben geschehen ist. Über die letzten 2 Jahre etwa schwankte meine Libido ziemlich, war aber grundsätzlich eher gering… vor einem Jahr, als ich das erste Mal meinem Freund sehr nahe kam, habe ich einfach nichts gespürt. Seit einem halben Jahr haben wir Sex, aber es gefällt mir nicht… auch wenn ich mich selbstbefriedige, bin ich im Gegensatz zu früher kaum erregt. Ich kann mich zwar zum Orgasmus bringen und genieße das auch sehr, alles was davor passiert, ist jedoch Mittel zum Zweck.Ich bin mir nicht sicher, wie viel ich erst mal erzählen soll, aber ich denke es reicht erst mal an Input für Sie 🙂 Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören! Vielen Dank im Voraus und freundliche Grüße, Lea

Sexualität ist das natürlichste der Welt. Auch Unsicherheit damit ist ganz natürlich.

Liebe Lea,

zunächst möchte ich mich für die Offenheit und das Vertrauen an mich bedanken. Das ist nicht selbstverständlich.

Sie sind eine junge Frau, die gerade beginnt Ihre Sexualität zu entdecken. Mit sich selbst fühlten Sie sich recht sicher. Nun gibt es einen Partner und Sie verstehen die Welt nicht mehr: es scheint, als hätten Sie Ihre Sexualität verloren. Sie sind sich gar nicht sicher, was Sie dazu alles schreiben sollen und bitten mich um eine Antwort.

Mein erster Eindruck

Wenn ich Ihre Zeilen lese bekomme ich das Gefühl, Sie sind sehr durcheinander und ziemlich im Streß. Mir scheint, Sie sind sehr überfordert? Ich sehe ich eine junge Frau, die begonnen hat, ihre Sexualität zu entdecken, die Lebenskraft an sich. Sie macht ein riesiges Geheimnis um das selbstverständlichste der Welt.

Die Gründe dafür kann ich nur erraten

Es könnte scheinen, Sie sind etwas manipulativ und möchten mit anderen spielen, Macht ausüben.  In dem Fall würden Sie Selbstbewusstsein verwechseln mit Macht über andere. Es könnte auch sein, Sie können wirklich nicht ausdrücken was Sie wollen und diese Verwirrung oder Vernebelungs-Taktik schützt Sie vor Überforderung. Wahrscheinlich sind Sie einfach nur unerfahren, möchten aber sehr erfahren scheinen und trauen sich deswegen nicht, Ihrem Partner zu sagen wie es Ihnen geht. In diesem Fall könnte er gar nicht auf Sie eingehen. Ich frage mich, warum alles was vor dem Orgasmus passiert Mittel zum Zweck ist? Wie fühlt sich Ihr Körper an? Lieben Sie Ihren Körper? Mögen Sie Berührungen? Berührungen von sich selbst? Berührungen Ihres Partners? Wie fühlt es sich an, wenn Sie sich entspannen? Kommt dann Unruhe auf? Kommen Sie dann in Kontakt mit unangenehmen Gefühlen? Oder sind Sie mit Gefühlen und Körperempfindungen generell überfordert? Kennen Sie die Bedürfnisse Ihres Körpers was Berührung und Zärtlichkeit angeht? Oder versuchen Sie vor allem ein Bild zu erfüllen, das durch die Medien transportiert wird?

Meine Einladung an Sie

Deswegen möchte ich Ihnen gerne raten, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen und auf eine Entdeckungsreise zu gehen. Bitte nehmen Sie dabei Selbstanklagen nur in soweit ernst als dass Sie Ihnen zeigen, dass Sie im Kampf mit sich selbst sind und Ihnen Sicherheit fehlt. Welche Sicherheit brauchen Sie? Einen abgeschlossenen Raum? Einen liebevollen Partner? Einen Partner, der sich zu Ihnen bekennt? Was gibt Ihnen Sicherheit wenn Sie Sexualität leben? Finden Sie es heraus und genießen Sie Ihren Körper täglich mehr.

Und noch was

Sie schreiben, bei der Psychotherapeutin haben Sie Angst, nicht ernst genommen zu werden. Bitte teilen Sie das Ihrer Therapeutin mit, das ist eine wichtige Information. Es kann entweder ein Zeichen sein, dass es sich um ein Thema handelt, mit dem Sie auf Kriegsfuß stehen – oder es ist ein Zeichen, dass die Chemie zwischen Ihnen und der Therapeutin einfach nicht stimmt. Bleiben Sie dran, neugierig zu sein – auf sich und auf Sexualität. Und ich wünsche Ihnen viel Kraft dazu, Ihren eigenen Weg damit zu finden.

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Bild: Shivani Vogt,  (cc)