Sehr geehrte Shivani, ich bin 35 Jahre alt und wohne in der Nähe von Ravensburg. Ich habe gesehen, dass Sie sich auch mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigen. Mir ist des öfteren aufgefallen, dass es Menschen gibt, denen es gar nicht wichtig ist, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. D.h. wenn ich ein Bedürfnis äußere, ist es egal, sie gehen darüber hinweg. Ich arbeite in einer Gärtnerei und fühle mich dort sehr wohl, weil jeder gut mit dem anderen umgeht. Ich erlebe jedoch oft, z.B. beim Zugfahren oder auch in meiner Familie, dass Leute rücksichtslos sind, schubsen, mir keinen Platz lassen und ähnliches. Ich frage mich, ob die GFK am Ende ist, wenn die andere Person gar nicht das Ziel hat, eine Win-Win-Situation herzustellen. Ist das so? Und was bleibt dann als gute Lösung?

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Was passiert wenn wir gezwungen werden?

Vielleicht ein einfaches Beispiel: Wenn ich im Bahnhof auf deiner Bank sitze und neben mir steckt sich jemand eine Zigarette an, hilft manchmal eine höfliche Bitte, manchmal aber ist es der Person egal und sie raucht weiter.
Ich könnte dann natürlich den Sitzplatz verlassen und stehen, aber wenn man länger warten muss, ist das unangehm. Oder ich ertrage den Rauch und packe zum Beispiel mein Essen weg, weil mich das ekelt. Was macht man, wenn bitten nichts hilft? Und wie geht man mit der Wut um, der anderen Person egal zu sein? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mein Thema behandelten oder einen Artikel dazu schreiben könnten.
Viele Grüße

Lieben Dank liebe H. für diese interessante Frage. Sie haben zum Glück ein Umfeld, in dem Sie Wertschätzung erfahren, das freut mich sehr. Jedoch gibt es auch Situationen, in denen Sie Rücksichtslosigkeit erleben. Menschen gehen über Ihre Grenzen indem Sie in öffentlichen Verkehrsmitteln geschubst werden oder mit Rauch vollgequalmt – und das obwohl dies verboten ist.

Die Giraffensprache hilft nicht – warum?

Jetzt kennen Sie offenbar die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Sie haben bereits ihre Bitten formuliert – und erlebt, dass diese nicht erfüllt werden. Sie fragen sich nun, ob diese Form der Kommunikation an ihre Grenzen stößt und was eine gute Lösung sein könnte.

Eine Bitte ist eine Bitte…

Wenn ich gebeten werde um etwas, dann steht es mir frei, diese Bitte zu erfüllen – oder nicht – sonst wäre es ein Befehl. Und Befehle wären nicht gewaltfrei – die müsste ich ja befolgen. Und wie immer in der Kommunikation ist es auch hier: eine Universallösung gibt es nicht. Außerdem sieht eine Lösung sicher von Tag zu Tag, von Situation zu Situation anders aus. Beim Gedrängel im Zug mache ich mich zum Beispiel groß und schwer, damit man mich nicht umschubsen kann – freundliches Bitten hilft hier leider nicht. Sie könnten auch laut werden, damit Sie gehört werden – oder Sie können still bleiben, damit Sie nicht auffallen. Was entspricht Ihnen? Vielleicht ja nach Tagesform eine andere Lösung? Bei der Zigarette auf der Bank am Bahnhof können Sie sich an einem Tag wegsetzen, am anderen Tag dem anderen ganz nahe auf die Pelle rücken, dass es unangenehm wird, einen Furz lassen, eine Bitte aussprechen, die Wut zum Ausdruck bringen oder vor sich hinsagen: „Jetzt hatte ich so einen schönen Platz gefunden und Sie verpesten jetzt die Luft, das ist ja unglaublich.“ Je weniger Vorwurf darin ist und je freudiger sich das anhört, desto größer ist die Chance, dass Sie den anderen gewinnen und mit einem Lächeln vertreiben – oder dazu bringen die Zigarette auszumachen und sich mit Ihnen zu unterhalten – vielleicht kann ja so sogar ein nettes Gespräch daraus werden?

Und was ist mit Ihrer Wut?

Soviel zur Kommunikation. Dann schreiben Sie noch von Ihrer Wut. Da frage ich mich: „Stammt diese Wut wirklich aus der beschriebenen Situation? Oder ist das eine Altlast aus der Vergangenheit? Wahrscheinlich gab es da viele Situationen, in denen rücksichtslos mit Ihnen umgegangen wurde? Oder Situationen, in denen Sie einfach übersehen wurden? Falls Sie nicht flexibel reagieren können, sondern immer Kränkungswut spüren, dann würde ich sagen, es ist die Gelegenheit, dass Sie sich Selbstempathie geben können, um über diese alten Situationen hinauszuwachsen. Oder Sie suchen sich jemanden, der Ihnen mit Empathie begegnet, damit sich die alte Wut lösen kann. Das kann eine Freundin sein – oder ein Therapeut, der in GfK ausgebildet ist. Testen Sie das aus – Sie werden sehen, dann wird es Ihnen immer besser gelingen, flexibel zu reagieren wenn Ihre Bitten ausgeschlagen werden. Denn jeder hat das Recht, zu einer Bitte nein zu sagen. Und wenn jemand Grenzen so übergeht, dass er sogar Regeln und Gesetze übertritt, zeigt er welche Werte hinter seinem Verhalten stehen – damit muss der andere dann leben. Stehen Sie für Ihre Bedürfnisse und für Ihre Werte ein. Stehen Sie zu Ihren Gefühlen und drücken sie aus. Schimpfen Sie wenn Ihnen danach ist, schäkern Sie mit anderen wenn Ihnen danach ist. Bleiben Sie lebendig und flexibel, lassen Sie sich von Ihren Mitmenschen herausfordern und fordern Sie diese heraus.

Und ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei. Verraten Sie mir dann was daraus geworden ist?

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Bild: Shivani Vogt,  (cc)